08/28/14

Barbara, kannst Du mir eine Nähmaschine empfehlen?

Diese Frage hat mich schon des Öfteren erreicht. Genau genommen bekomme ich mehrmals im Monat Emails mit dieser oder der Frage mit welcher Nähmaschine ich selbst nähe und zu welchen Auswahlkriterien ich raten würde.

Das ist für mich nicht einfach zu beantworten. Ich hatte bisher 3 verschiedene Näh-und Stickmaschinen  (allesamt Kombimaschinen) und ich kann jede von ihnen guten Gewissens empfehlen. Allerdings sind diese Maschinen, und ganz besonders meine jetzige Maschine, die Bernina B780, Nähmaschinen der oberen Preisklasse.
Bernina B780
Ich werde bei  Zeiten sicherlich mal über meine Bernina schreiben aber ich glaube, dass diejenigen, die diese Frage an mich richten, keine Nähmaschine für mehrere Tausend Euro im Sinn haben. Wie ich zu meiner gekommen bin könnt Ihr hier nachlesen.

Insofern versuche ich heute etwas Hilfestellung bei der Auswahl der richtigen Nähmaschine zu geben indem Euch meine Auswahlkriterien nenne und jemandem vom Fach dazu interviewt habe.

Ganz egal welches Budget mir zur Verfügung steht: Ich selbst würde immer schauen, dass ich für mein Geld die Nähmaschine mit dem besten Stichbild und dem besten Transporteur bekomme. Eine Maschine, die mir die Möglichkeit gibt mit vielen verschiedenen Materialien zu arbeiten und Projekte aller Art (Patchworkdecken, Bekleidung und Taschen) in guter Qualität umzusetzen. Auch wenn viele Maschinen mit einem Haufen toller Extras wie schönen Zierstichen, elektronischen Fadenabschneider oder –Einfädler aufwarten: Ich würde versuchen diese reizvollen Extras auszublenden und mich auf die Qualität des Stichbilds konzentrieren und wenn möglich zum Probenähen mehrere Lagen Stoff und z.B. Gurtband mitnehmen um zu schauen, ob die Maschine das sauber vernähen kann. Denn was hilft mir das tollste Extra oder ein schicker Zierstich, wenn ich mit der Maschine keine sauberen Nähergebnisse erreichen kann?

Meiner erste Maschine habe ich neu gekauft (eine Brother Innov-is 1250) und meine zweite (eine Bernina Artista 640) gebraucht. Ich habe für beide Maschinen ungefähr das Gleiche ausgegeben. Mit der gebrauchten Bernina bin ich viel besser gefahren. Nähmaschinen halten Jahre und Jahrzehnte. Es gibt eine Menge Maschinen die trotz 10 Jahren oder deutlich mehr auf dem Buckel bessere Ergebnisse liefern als neuere Maschinen. Ich selbst würde also durchaus immer eine höherwertige gebrauchte Maschine in meine Überlegungen mit einbeziehen. Solche Maschinen kann man bei vielen Händlern kaufen oder die Ebay-Kleinanzeigen im Blick behalten.

Auf der Suche nach einer hilfreichen Antwort für diejenigen, die etwas ratlos beim Maschinenkauf sind, habe ich kurzerhand zum Hörer gegriffen und die Dame angerufen, die in Nähmaschinenfragen mein uneingeschränktes Vertrauen genießt: Petra Neuhierl vom Nähpark Diermeier.
Diermeier_Eingang
Sie hatte ich deshalb im Sinn, weil der Nähpark, mit dem ich selbst sehr gute Erfahrungen gemacht habe, die Maschinen aller gängigen Hersteller im Programm und Frau Neuhierl auf jeder dieser Maschinen selbst genäht hat. Mit meinen Auswahlkriterien im Kopf hat sie mir bzw. Euch die folgenden Empfehlungen gegeben (Stand August 2014):

Ganz grundsätzlich bieten Nähmaschinen unterhalb von 200 Euro (die der Discountermaschinen ausdrücklich mit eingeschlossen) nur bescheidenen Nähspaß. Hier ist neben der dürftigen Verarbeitung der Maschinen durchaus ein Problem, dass man z.B. die Stichlänge nicht variieren kann. Damit ist es fast unmöglich Materialien wie Filz, Wachstuch oder (Kunst-) Leder überhaupt vernünftig zu nähen.

Ein Einstiegsmodell rund um 200 Euro kann die Janome JR1012 sein . Diese Maschine hat 14 Stichprogramme, davon 7 Strechstiche und ein Knopfloch. Alles in allem kann man sagen ein zuverlässiges mechanisches Modell.

Die erste echte Empfehlung von Frau Neuhierl ist eine Maschine mit einem Preis rund um 300 Euro, die Brother innov-is 10A. Eine ideale Einsteigermaschine, halb mechanisch, halb elektronisch, die zwar Grundeinstellungen hat, die aber individuell verändert werden können. Sie hat schon 3 verschiedene Knopflöcher im Programm und Stretch-Programme zum Nähen von Jersey.

In der Preisklasse bis 500 Euro bekommt man mit der Janome DC 230 und DC 3018 das Meiste für sein Geld. Hier ist das Transportverhalten schon ziemlich gut was besonders für Taschennäher immer ein Entscheidungskriterium sein sollte, weil hier oft viele Lagen auf einmal genäht werden und das möglichst ohne Fehler im Stichbild oder dem Verschieben der Lagen.

In der Preisklasse zwischen 500 und 1.000 Euro ist die Janome DC4030 eine gute Wahl. Sie hat zwar im Vergleich wenige Stichoptionen, aber einen sehr guten Transporteur und einen verstellbaren Nähfußdruck, was nicht nur fürs Jersey-Nähen hilfreich ist. Die Janome 5200 Memory Craft ist ebenfalls eine gute Empfehlung. Hier ist der Stichplattenkonverter ein besonderes Highlight. Damit verkleinert sich bei einem Geradstich die Stichplatte und das Stichbild wird besonders sauber.
Diermeier_Bernina
Ab 800 Euro beginnt das Sortiment von Bernina. Ich selbst bin mittlerweile völlig überzeugt von der Qualität der Bernina-Maschinen. Bernina arbeitet nach wie vor mit einem Vertikalgreifer, wie z.b. CB-, Rundlauf- oder auch dem B9 Greifer, d.h. die Unterspule wird von vorne mit einer separaten Spulenkapsel und nicht von oben eingesetzt. Diese Technik ist aufwendiger und damit teuer in der Herstellung, führt durch die größere Präzision aber zu einem wesentlich saubereren Stichbild.
Greifer BerninaSpulenkapsel Bernina
Das Einsteigermodell, die Bernina 215, hat noch keine optimalen Lösungen für Knopflöcher (ein wichtiges Kriterium für alle Bekleidungsnäher). Damit wartet erst das Folgemodell B330 auf. Diese Maschine kann ohne Einschränkungen empfohlen werden.

Oberhalb von 1.000 Euro sind die Maschinen von Bernina in Ihrer Qualität konkurrenzlos mit zwei Ausnahmen: Die Janome 8200 und Janome 8900 nähen mit sehr guter Qualität und bieten mehr  Extras und damit Nähkomfort gegenüber gleichpreisigen Bernina-Maschinen. Sie sind mit dem großzügigen Platzangebot rechts der Nadel und der variierbaren Obertransporteurgeschwindigkeit nicht nur für Patchworker interessant.

Ich selbst habe mich von Anfang an für eine kombinierte Näh-und Stickmaschine entschieden. Wann immer es ums Sticken geht sind die Maschinen von Brother eine gute Wahl. Die Stickergebnisse sind wirklich gut und die Bedienung einfach. Das kann ich aus Erfahrung mit meiner Innov-is 1250 absolut bestätigen.
Brother_Innov-is 1250
Und trotzdem habe ich mich nach zwei Jahren von meiner Brother-Maschine verabschiedet und bin zu Bernina gewechselt denn beim Stickmaschinen-Kauf sollte man sich vorab eine Frage stellen: Will ich eine Stickmaschine, die auch Nähen kann oder eine gute Nähmaschine, die auch eine Stickfunktion hat? Ich für mich habe in den ersten zwei Jahren festgestellt, dass ich nicht so häufig sticke aber sehr gerne nähe und auf saubere und präzise Ergebnisse viel Wert lege. Deshalb habe ich Modell und Hersteller gewechselt.

Viele fragen sich vielleicht warum große Namen wie Pfaff und Singer in dieser Auflistung gar keine Rolle spielen. Zum einen sei gesagt: Es ist meine persönliche Meinung zum Nähmaschinenkauf kombiniert mit den Empfehlung einer erfahrenen Frau vom Fach.

Zum anderen leben diese beiden Herstellernamen bis heute von dem Ruf, den sie sich vor Jahrzehnten mit dem Bau von hochwertigen Maschinen erarbeitet haben. Beide Hersteller sind vor Jahren insolvent gewesen und die Namensrechte sind mittlerweile teils mehrfach verkauft worden. Die Maschinen, die heute das Label Pfaff oder Singer tragen kommen also nicht mehr aus demselben Stall wie die noch vor 15 Jahren verkauften Maschinen. Die heutigen Maschinen haben meiner Meinung nach leider mit der Qualität vergangener Tage nicht mehr viel gemeinsam.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Post denjenigen, die das Hobby Nähen für sich entdeckt haben und nun nach einer passenden Maschine suchen, ein bisschen Hilfestellung geben konnte. Am besten, Ihr wendet Euch mit euren persönlichen Auswahlkriterien an den Händler Eures Vertrauens. Mittlerweile gibt es viele Online-Händler, die gute Maschinen zu einem guten Preis anbieten. Trotzdem würde ich nie auf eine persönliche Beratung am Telefon oder vor Ort verzichten und wann immer die Möglichkeit besteht eine Einweisung beim Fachhändler mitnehmen. Je hochwertiger die Maschine, desto mehr gibt es zu entdecken. Ich glaube ohne die ausführliche Einweisung die ich vor einem Jahr von Frau Neuhierl bekommen habe würde ich bis heute nur einen Bruchteil der Möglichkeiten ausschöpfen, die meine Nähmaschine bietet.

Viele Grüße
Barbara